May
02
2018


Service

Wertvolles Leben, exklusive Daten

Jeder Todesfall im Straßenverkehr ist einer zu viel. Das seit Ende März für alle neuen Modelle vorgeschriebene vollautomatische Notrufsystem eCall hat das Potenzial, die Anfahrtszeit der Rettungskräfte durchschnittlich um die Hälfte zu reduzieren - das könnte laut Experten in Österreich 50 Menschenleben pro Jahr retten. Doch Datenschützer äußern Bedenken, weil die Fahrzeugdaten auch für andere Zwecke missbraucht werden könnten.

Die gute Nachricht: Seit Jahren sinkt die Anzahl der Todesfälle auf europäischen Straßen. Die Hauptgründe für diesen positiven Trend liegen laut den Verkehrsministerien in der aufgerüsteten Straßeninfrastruktur, strengeren rechtlichen Vorgaben und Kontrollen durch die Exekutive. Vor allem aber tragen weitreichende Verbesserungen im Bereich des aktiven und passiven Insassenschutzes in den Fahrzeugen zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr bei. Systeme wie etwa Spurhalte-Assistenten, Tot-Winkel-Warner, adaptive Radartempomaten mit Abstandskontrolle und City- Notbremsassistenten unterstützen die Lenker und helfen dabei, Unfälle zu vermeiden. AlleZusammenstöße verhindern können sie aber (noch) nicht, weshalb in modernen Fahrzeugen im Fall der Fälle auch die Fahrzeugarchitektur - die Karosserie absorbiert bei einem Aufprall einen Großteil der kinetischen Energie - sowie knapp ein Dutzend Airbags die Insassen schützen.


Zeit, die kritische Variable

 


Doch selbst nicht direkt tödliche Verletzungen wie ein Knochenbruch oder eine Platzwunde am Kopf können in Kombination mit einem nicht einsehbaren beziehungsweise abgelegenen Unfallort und tiefen Temperaturen lebensgefährlich werden. In einem solchen Fall ist die Zeit, die bis zum Eintreffen der Rettungskräfte verstreicht, die kritische Variable, die über Leben und Tod entscheidet. Diese Schwachstelle in der Rettungskette soll nun durch das elektronische Notrufsystem "eCall" beseitigt werden, das seit dem 31. März verpflichtend in allen neutypisierten Pkw und leichten Nutzfahrzeugen installiert sein muss. Das System erkennt anhand mehrerer Parameter selbstständig einen schweren Verkehrsunfall und alarmiert unverzüglich und automatisch die Rettungskräfte. Dabei werden vor allem Daten über den genauen Standort, die Anzahl der Insassen sowie die Art des Treibstoffs an die nächste Rettungsleitstelle gesendet.


50 Menschenleben pro Jahr

 


Durch die europaweite Anwendung von eCall soll sich die Zeit bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte im ländlichen Raum bis zu 50 Prozent und in städtischen Gebieten bis zu 40 Prozent verkürzen. Für Österreich liegen diesbezüglich leider keine Daten vor, aber in Deutschland vergehen vom Absetzen des Notrufs bis zum Eintreffen der Einsatzkräfte derzeit im Schnitt zehn Minuten. Schätzungen der Europäischen Kommission zufolge könnte sich die Zahl der Todesfälle durch die kürzere Wartezeit - hier gilt eindeutig das Prinzip: jede Minute zählt - um mindestens vier Prozent und die der schweren Verletzungen um sechs Prozent verringern. In Österreich, schätzen Experten, könnten proJahr rund 50 Menschenleben nach einem Verkehrsunfall gerettet werden und dutzende Folgeschäden minimiert werden. Zur besseren Einordnung dieser Prognosen muss man wissen, dass in Europa im Schnitt 25.000 Menschen pro Jahr ihr Leben im Straßenverkehr verlieren und 135.000 schwer verletzt werden. In Österreich kamen 2016 insgesamt 187 Pkw-Insassen ums Leben, wobei vom KFV (Kuratorium für Verkehrssicherheit) im gleichen Jahr insgesamt 2.359 Schwerverletzte gezählt wurden.


Nachrüstlösungen bereits erhältlich

 


Das von Experten kommunizierte Potenzial mag auf den ersten Blick niedrig erscheinen, weil vorerst nur die neutypisierten Fahrzeuge zwingend mit dem automatischen Notrufsystem ausgerüstet sein müssen. Bis alle Fahrzeuge flächendeckend über das System verfügen und die Rettungsleistung vollends ausgeschöpft wird, werden noch viele Jahre vergehen. Darüber hinaus besteht für Lenker älterer Fahrzeuge die Möglichkeit, ihre Autos selbstständig mit dem System nachzurüsten.Fertige Produkte dafür sind bereits am Markt erhältlich. Allein das Wiener Telematikunternehmen Dolphin Technologies hat bereits zwei Varianten im Angebot, die wie die "offizielle" Version europaweit funktionieren: Bei der ersten Möglichkeit wird ein kleines Gerät, das über einen Crashsensor, ein eigenes Ortungsmodul und eine Bluetooth-Schnittstelle verfügt, an den Diagnosestecker angeschlossen und mit einer Smartphone-App verbunden. Im Fall eines Unfalls werden die Crash-Daten automatisch über das Smartphone an die ÖAMTC Einsatzzentrale geschickt, von wo aus die Rettungskräfte informiert werden. Die zweite Variante ist hingegen ein vollautomatisches System, das im Fahrzeug verbaut wird und über ein eigenes GSM-Modul mit Sim-Karte verfügt und unabhängig von Smartphone und App funktioniert. Über einen fix installierten Notfallknopf kann zudem - wie auch beim herstellerseitiginstallierten eCall -eine Sprechverbindung mit der Notrufleitstelle hergestellt werden. Damit können auch Unfallzeugen oder andere Insassen die Rettungskräfte rufen - und zwar auch dann, wenn es keinen Unfall gegeben hat, der Fahrer aber etwa das Bewusstsein verloren hat.

 

 

eCall baut erst nach einem Unfall eine Verbindung auf

 


Übermittelt werden sowohl bei der werksseitig als auch der nachträglich installierten Variante prinzipiell die gleichen Datensätze. Offiziell heißt es, eCall werde immer erst nach dem Unfall aktiviert, - auch weil das System aufgrund der strengen europäischen Datenschutzrechte erst dann eine Datenübertragung herstellen darf. Ebenso dürfen die empfangenen Informationen von den Organisationen auch zu keinem anderen als dem Rettungszweck verwendet und müssen regelmäßig gelöscht werden. Alle weiteren Daten, die über die Basisfunktionen von eCall hinausgehen und etwa im Rahmen von zusätzlich vereinbarten "Concierge-Diensten" gesammelt und übermittelt werden, sind davon aber ausgenommen.


Trotzdem Bedenken beim Datenschutz 

 


Datenschutzrechtsexpertenäußern deshalb Bedenken, schließlich verwandelt sich jedes bislang weitgehend datenneutrale Fahrzeug mittels der eCall-Technik zur Datenkrake. So wären über das GPRS-Modul etwa aktuelle Rückschlüsse auf die gefahrene Strecke, die Geschwindigkeit oder die Lage des Standorts möglich. Gleichzeitig wüsste man über die Sensoren im Fahrzeug, die die Passagieranzahl erkennen, ob noch jemand anderer mitfährt. All das geht in Wahrheit niemanden etwas an, auch wenn außer Frage steht, dass einige Datensätze davon für Vertragswerkstätten oder Versicherungen interessant wären, die etwa Wartungserinnerungen aussenden oder individuell zugeschnittene Versicherungsangebote erstellen könnten. Aber auch die Polizei würde sich im Rahmen der Verfolgung von Verkehrsübertretungen die Hände reiben. Für Bernhard Wiesinger, Chef der ÖAMTC Interessenvertretung, ist eCall deshalb "Chance und Risiko zugleich". Um unerlaubten Datentransfer zu unterbinden, müsse der "Verbraucher detailliert Kenntnis über die Art des Datenaustausches erhalten und ihm aktiv zustimmen". Für den Mobilitätsclub steht zudem außer Frage, dass die "Daten aus dem Auto dem Fahrzeughalter gehören" und es - wie kürzlich in Deutschland vorgeschlagen - sinnvoll wäre, ein eigenes Datengesetz zu formulieren, das "Daten mit Sachen gleich - und somit die Rechte der Fahrzeughalter außer Streit stellt." Die Wahrheit liegt wohl wie so häufig in der Mitte: Die Basisinformationen von eCall sind datenschutzrechtlich derzeit relativ unbedenklich, zu streng sind dabei die geltenden Vorschriften. Wer den Komfortgewinn durch "Concierge-Dienste" nutzen und etwa automatisch über den besten Espresso in der Umgebung informiert werden möchte, muss dafür auch seine Fahrstrecken, persönlichen Vorlieben und autobezogenen Daten wie etwa den Tankfüllstand legal -weil vertraglich legitimiert -überwachen lassen.

 

Hintergrund: eCall - Funktionsweise und Vorteile

Alle innerhalb der EU neutypisierten Modelle (Pkw und leichte Nutzfahrzeuge) müssen seit dem 31. März 2018 mit dem automatischen Notrufsystem eCall ausgestattet sein. Das bedeutet aber auch: Nicht jeder Neuwagen ist von der Regelung betroffen. Die EU erhofft sich durch das System, das mit einer Mobilfunkeinheit, einem GPRS-Empfänger und einem Antennenanschluss ausgestattet ist, eine effizientere Rettungskette. eCall kann nicht deaktiviert werden und übermittelt offiziell erst nach einem Unfall Daten (beispielsweise Standort, Zeitpunkt, Anzahl der Passagiere, Treibstoffart etc.) an die Rettungsleitstelle. Nach der Datenübertragung wird stets eine Sprechverbindung zum Fahrzeug hergestellt. Über den Notfallknopf, der im Fahrzeug häufig im Bereich der Innenraumbeleuchtung angebracht ist, können auch Zeugen des Unfalls einen Notruf absenden. Damit nicht bei jedem Parkrempler ein automatischer Notruf abgesetzt wird, ist das System mit den sicherheitsrelevanten Sensoren des Fahrzeugs verbunden, die etwa erkennen, wenn ein Airbag ausgelöst wird. Im Fall eines mutwillig herbeigeführten Fehlalarms müsste der Zulassungsbesitzer den Einsatz der Rettungskräfte bezahlen. Wer den SOS-Knopf versehentlich drückt, kann jedoch im Rahmen des Gesprächs darauf hinweisen und die Situation aufklären.


Pascal Sperger








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